Im Gegensatz zu einem Jacques Drescher habe ich kein Hühnchen mit Guy Rewenig zu rupfen. Ich bewundere den Schriftsteller, lese gerne den Happyland-Polemisten, selbst wenn er mit seiner spitzer Feder den Politiker Robert Goebbels, oder neuerdings den Generalkommissar für Shanghai aufspießt. Dennoch seien mir drei kleine Fußnoten zu seinem „Tscheina Tschingderassa“ erlaubt.
l. Gewiss, wie 192 weitere Länder dieser Welt ist Luxemburg auf der Weltausstellung präsent, um sich als Wirtschaftspartner für die Volksrepublik China zu empfehlen. Dass Rewenig für schnöden Kommerz nichts auf dem Hut hat, ist für einen Schriftsteller verständlich. Doch überleben selbst Kunstschaffende letztlich nur, wenn das gesamtwirtschaftliche Umfeld stimmt. Erst kommt das Fressen, dann die Moral, meinte schon Meister Bertold Brecht. Übrigens wird in unserem Pavillon nichts verkauft, Restaurant ausgenommen.
Die Volksrepublik China, der Namen sagt es, ist keine Demokratie westlichen Zuschnitts. Aber sollten wir bei dem stolzen Exportartikel „Demokratie“ nicht etwas bescheidener sein? Ist alles so „demokratisch“ bei Bush, Berlusconi, Sarkozy und anderen? China ist keine brutale Diktatur mehr, wie zu Maos Zeiten, als viele westliche Intellektuelle fasziniert dessen „Kulturrevolution“ bestaunten. Gewiss, China praktiziert die Todesstrafe. Die USA ebenfalls. Dissidenten wird der Prozess gemacht. Aber immerhin gibt es, kleiner Trost, Gerichtsprozeduren.
Ich will nichts schönreden. Da ich jedoch den Vorzug hatte, dieses Riesenland seit über 40 Jahren regelmäßig zu besuchen, kann ich bezeugen, dass die Volksrepublik sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten eher positiv entwickelte. Es ist der politischen Führung gelungen, große Teile der Bevölkerung der schieren Armut zu entreißen. Rund die Hälfte der Bevölkerung hat es zu einem ansehnlichen Wohlstand gebracht. 6% der chinesischen Familien besitzen ein eigenes Auto, Tendenz rasant ansteigend. 54 % verfügen über einen persönlichen Computer, 97 % besitzen eine Waschmaschine, alle haben einen Farbfernseher und zumindest ein Mobiltelefon. Für grüne Müslis mag dies kein Fortschritt sein. Doch die 800 Millionen bitterarmen Inder, die immerhin den Vorzug genießen, in der größten Demokratie der Welt zu leben, träumen von nichts anderem als dem Komfort der Konsumgesellschaft.Â
Rewenig irrt, wenn er China als „menschenfeindlich“ abqualifiziert. Der Ausstellungspark ist kein Konzentrationslager. Eher eine Art Luna-Park, in dem alle Nationen versuchen, sich möglichst vorteilhaft zu präsentieren. Eine Einladung nimmt man normalerweise nicht mit der Absicht an, seinen Gastgeber zu beleidigen. Deshalb wird keines der 193 Teilnehmerländer die Expo für antichinesische Propaganda nutzen. Nicht einmal das groß auftretende Taiwan. „Wandel durch Annäherung“ predigte Willy Brandt in den 70er Jahren. Die Entwicklung im ehemaligen Ostblock gab ihm Recht. Auch in China wird das Regime eher durch Dialog und dem Einfluss der technologischen Entwicklung evoluieren, als durch Stahlhelm-Propaganda und Dalai-Lama-Kult. Ich habe ohnehin nie verstanden, weshalb angeblich linke Intellektuelle sich für ein theokratisches Regime begeistern können.
2. Rewenig irrt ebenfalls, wenn er von „programmatischer Geschichtsfälschung“ schreibt, weil die „Gëlle Frau“ nunmehr in Shanghai als Sympathieträger für Luxemburg wirbt. Das Werk von Claus Cito kann für alle möglichen Interpretationen und Motive herhalten. Doch die von Rewenig als „Kriegerbraut mit dem Heldenkranz“ bezeichnete Statue war ursprünglich eine Allegorie auf die griechische Siegesgöttin „Niké“, zu Ehren der luxemburgischen Freiwilligen im 1. Weltkrieg. Übrigens ist die „Lady“ nur ein Teil des eigentlichen Denkmals, des „Monument du Souvenir“. Vor allem stand die „Gëlle Frau“ nach ihrer Zerstörung durch die Nazis im Oktober 1940 ganze 45 Jahre nicht auf ihrem Sockel. Das tat den patriotischen Veranstaltungen am „Monument du Souvenir“ keinerlei Abbruch. Der Korea-Krieg war übrigens schon längst geschlagen und patriotisch am „Monument du Souvenir“ einbezogen, ehe die Statue 1981 wiedergefunden, restauriert und 1985 erneut zu Ehren kam. Wer fälscht Geschichte, wenn nunmehr die „Gëlle Frau“ gewissermaßen als koreanische „G.I.“-Braut abqualifiziert wird? Jedenfalls entwickelt sich die „Golden Lady of Luxembourg“ in Shanghai zum Publikumsmagneten. Das ist und bleibt der Zweck der Übung.
3. Die rund 80 Künstler, die bei über 30 kulturellen Events einige Facetten der nationalen Kunstszene darbieten, werden von Rewenig als musizierende „Gliedmassenverenkungsartisten“ verunglimpft. Eine schöne Wortschöpfung für Kreuzwort-Rätsel , aber sehr despektierlich für Kunstschaffende, über deren Repräsentativität man durchaus geteilter Meinung sein darf, die aber alle keine „aseptischen“ Kapitalistenknechte sind. Bloß André Mergenthaler findet Gnade in Rewenigs Augen. Ich finden Mergenthalers cello loops ebenfalls genial. Das ist aber kein Grund, um auf Gast Waltzing, Greg Lamy, Raftside, Philip & Karolina Markiewicz, Lucilin, Maskénada und andere herabzuschauen.
Dass in Shanghai vor allem Musiker, Tänzer, Performer, Videasten, Fotografen und Bildhauer eingeladen sind, hat nicht mit Zensur zu tun, sondern mit Sprachproblemen. Ich weiß nicht, wie Rewenigs Wortspiele auf Chinesisch klingen würden. Da könnte man schon den Taktstock aus Bambus verlieren.
Tags: Exposition universelle, Gëlle Fra, Shanghai
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