23|08
2010

Unaufgeregte Antwort an die OGM Angstmacher

Mein offener Brief an die luxemburgische Politikklasse über deren Berührungsängste mit der Biotechnologie und den genetisch verbesserten Pflanzen (GMO) hat mir Medienschelte quer durch den Blätterwald beschert. Im „Journal“-Leitartikel vom 29.7. wurde ich „Kreuzzügler“ bezichtigt, der nur die Interessen der Biolobby vertrete. Im „tageblatt“ vom 5.8. heißt es, ich müsse mir die Frage gefallen lassen, „bei welchem Gentechnik-Konzern (ich) auf der Gehaltsliste“ stände. „Wort“ wie „tageblatt“ veröffentlichten den entsetzten Leserbrief eines Mitbürgers, der die Probleme der Menschheit „vegan“ lösen will, also durch totalen Verzicht auf Fleisch, Fisch und Eispeisen.

Um die aufgeregten Streiter wider die GMO’s zu beruhigen: Ich stehe nicht im Solde der Industrie oder eines Konzerns und bin kein Freund von Lobbyisten jeder Art.

Ich bin eher ein „Überzeugungstäter“. Vor Jahren wurde ich zum Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses des Europäischen Parlamentes über die Humangenetik gewählt. Während 12 Monaten organisierte der Ausschuss zahlreiche Hearings, hörten wir Dutzende der besten Wissenschaftler, besuchten wir in Europa und in den USA die bedeutendsten Forschungszentren. So trafen wir Nobelpreisträger James Watson, der mit Francis Crick die Doppelhelix-Struktur des DNA (Desoyribonuklein-Säure) entdeckte und damit den Schlüssel zur Entzifferung der Genomsequenzen aller Lebewesen lieferte.

Wir beschäftigten uns vornehmlich mit der „roten“ Biotechnologie, der embryonalen Zellforschung. Doch mussten wir uns gleichfalls mit der „weißen“ Biotechnologie befassen, den genetisch „manipulierten“ Medikamenten, sowie der „grünen“ Biotechnologie, den Eingriffen in das Genom der Pflanzen.

Die Einheit des Lebens

Ich habe viel zugehört, viel gelesen, viel gelernt. Die bedeutendste Erkenntnis ist, dass alles Leben, ob Mensch, Tier oder Pflanzen, aus den gleichen „Bausteinen“ entsteht. Die gesamte Evolution ist eine Folge genetischer Veränderungen. Der Zufall hat dabei eine große Rolle gespielt. Die Menschen haben immer wieder in die „Natur“ eingegriffen, neue Nutzpflanzen, neue Früchte, neue Tierrassen gezüchtet. Dabei wurden immer die ursprünglichen Genome verändert, wurden Gene neu geordnet.

Die Biologen können heute den Zufall durch gezielte Eingriffe ersetzen. Doch ein solcher Eingriff in „die Schöpfung“ ist vielen ungeheuer. Dass die „Schöpfung“ praktisch die Hälfte unserer heutigen Lebensmittel aussparte, sowie nebenbei „vergaß“, die große Vielfalt der  200 Millionen Hunde und Katzen der Europäer zu erschaffen, wird nicht zur Kenntnis genommen.

Die öffentliche Diskussion über GMO’s ist zu einer automatischen Vorverurteilung verkommen. Wer wie der Unterzeichnende versucht, die offensichtlichen Vorteile der genetischen Verbesserungen darzulegen, wird als „gekaufter Industrieknecht“ beschimpft.  Dies ist  die von mir kritisierte „Genetik der Dummheit“, die in Luxemburg grassiert.

Alle „gekauft“?

Wenn die Brüsseler Kommission nach 4, 5 Jahren wissenschaftlicher Prüfungen ein GMO freigibt, setzt das Trommelfeuer der Anti-GMO-Front ein. Die Kommission, das Europäische Amt für die Sicherheit der Lebensmittel (EFSA), die Experten-Gremien, alle, so heißt es, sind von Monsanto und Co „gekauft“.

In Luxemburg ist die Ablehnungsfront von totaler Irrationalität gekennzeichnet. Minister lassen sich vor den Propagandakarren von Greenpeace spannen.  Gemeinderäte erklären ihre Kommunen reihum als „GMO-frei“. Die Abgeordneten stehen stramm zur totalen Opposition der Regierung gegen die zaghaften Versuche der Kommission, Europa nicht von der biotechnologischen Revolution im Rest der Welt abzukapseln.

Während in Europa immer wieder neue „Langzeitstudien“ eingefordert werden, bebauen 12 Millionen Landwirte rund 10 % der landwirtschaftlichen Flächen der Welt mit GMO’s, dies teilweise seit 20 Jahren.

Für luxemburgische Journalisten, die nur „Informationen“ von Greenpeace und Co Glauben schenken, geraten diese 12 Millionen Bauern in totale Abhängigkeit von Monsanto und enden in der Schuldenfalle. Da niemand diese 12 Millionen Bauern zum GMO-Anbau zwang, sei die Frage erlaubt, weshalb letztere sich für genetisch verbesserten Saatgut entschieden haben? Wohl nur, weil sie bessere Erträge unter Einsatz von weniger Pestiziden haben!

Für die luxemburgische Anti-GMO-Front sind dies alles nur Lügen. UNO-Organisationen wie die FAO, die wie die EU-Behörden die Vorzüge des GMO’s einsehen, stehen angeblich im Sold von Monsanto.

Die Ironie der Geschichte will, dass die Kommission nunmehr genetisch verbesserten Saatgut freigab, welcher die Monsanto-Produkte konkurrenziert!

3,5 Milliarden leben mit GMO’s

Über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Ländern, in denen GMO’s seit vielen Jahren problemlos zum Alltag gehören. Auch die 500 Millionen Europäer sind viel abhängiger von genetisch verbessertem Mais oder Soja, als das angeblich GMO-freie Luxemburg glaubt.

Die europäische Viehzucht hängt zu 75 % von Viehfutter-Importen ab, die hauptsächlich aus Ländern kommen, in denen Mais und Soja zu 80 % aus  GMO-Aufzucht stammt. Zumindest 4 von 5 Kühen kommen in Europa über den Winter dank GMO’s, und das alles ohne Nebenwirkungen für die Tiere wie die Menschen.

Diese Tatsachen werden von den einheimischen Medien verleugnet. Sie fĂĽrchten (erhoffen?) Langzeitwirkungen. Wie lang ist lang? Lebenslang? Da weltweit die Lebenserwartung der Menschen steigt, kann es um die moderne Landwirtschaft nicht so schlecht bestellt sein.

Die Luxemburger Politikklasse und die Anti-GMO-Schreiberlinge werden noch viele herbe Enttäuschungen erleben.

Zwar opponieren Greenpeace und Co weiterhin gegen den um Vitamin A angereicherten „Goldenen Reis“,  obwohl dessen Schweizer Erfinder auf ein Patent verzichtete und die Weltgesundheitsorganisation diesen Reis als Mittel gegen Erblindung empfiehlt. Doch in China finden ausgedehnte Feldversuche statt mit einem neuen Reishybrid, der die Erträge pro Hektar von 6,3 auf 13,5 Tonnen steigern soll. Ab 2012 soll dieser neue Reis auf den Markt kommen.

In Uganda haben lokale Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit australischen Biologen eine Banane entwickelt, deren Gehalt an Vitamin A und an Eisen gesteigert wurde. Das International Food Policy Research Institute testet die verbesserte Frucht, die demnächst in Westafrika eingesetzt werden soll, um Blutanämie und Erblindung zu bekämpfen.

Pathetische Ignoranz

Ist das „die Dummheit der Genetik“, von der Herr Bechet im „tageblatt“ faselt? Die Ignoranz in Sachen Biotechnologie gewisser luxemburgischer Meinungsmacher ist pathetisch.

1971 hat der Mikrobiologe Ananda Chakrabarty eine Bakterie  genetisch umfunktioniert, die bei Umweltverschmutzung Erdöl „fressen“ kann. Seit 1978 werden Leukämie und Malaria mit rekombinanten ADN-Sequenzen bekämpft. Die gleiche Gentechnik führte zur Entwicklung der Interferon-Medikamente, die mit wachsendem Erfolg gegen Krebs, HIV und andere tödliche Krankheiten zum Einsatz gelangen. Seit l982 hilft genetisch hergestelltes Insulin weltweit Millionen Zuckerkranken. Diese „weiße“ Biotechnologie wird akzeptiert, selbst wenn die Wirkstoffe aus genetisch „manipulierten“ Pflanzen und Tieren stammen und gar „geklont“ sind.

Doch wenn die gleiche, seit 50 Jahren in der Medizin bewährte Technologie in der Landwirtschaft zum Einsatz gelangt, sollen 500.000 Luxemburger sich vom Rest der Welt abkoppeln…

Mir wird in der Presse vorgeworfen, ich würde nicht die Luxemburger Interessen vertreten: „Ist ein gewählter Volksvertreter, welcher nicht die Meinung des Volkes vertritt, politisch tragbar?“

Nur, was ist des Volkes Meinung? Wie ist es um eine ehrliche Information der Luxemburger in Sachen Biotechnologie bestellt?

Es wird sich immer wieder auf eine Meinungsumfrage berufen, laut der 67 % der Luxemburger gegen GMO’s seien. Sollte dies effektiv der Fall sein, versuche ich halt, jenes Drittel des Volkes zu vertreten, das weiterhin an wissenschaftlichen Fortschritt glaubt.

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