Shanghai war immer ein anderes China. Zur Zeit der erzwungenen „Konzessionen“ haben die Kolonialmächte das Antlitz der Stadt geprägt. Der „Bund“, Shanghais Nobel-Boulevard am Huangpu Fluss, erinnert noch an die viktorianische Architektur. Die Restaurants und Bars behielten ihren britischen Touch. Im „Quartier Français“ zeugen hohe Platanen von dem Schatten suchenden „art de vivre“ der Franzosen, mit Bistros und einladenden Terrassen. Abends trifft sich die „Jeunesse dorée“, mitunter ältere Herren mit viel jüngeren Damen, in den Nobellokalen zwischen Yanan und Huaihai Road. Man hat die –gleichbleibend teuere- Auswahl zwischen chinesischen. französischen, japanischen oder italienischen Restaurants, britischen oder irischen Pubs, deutschen Bierschenken. Der Flair ist international, das Publikum ebenfalls, doch dominieren gutbetuchte Chinesen.
Junge Chinesinnen, Russinnen und andere Europäerinnen rivalisieren in modischer Eleganz. Kurze Röcke sind in, Jeans dominieren, vornehm zerlöchert oder mit Goldplunder bestückt, an den Füssen immer atemberaubend hohe Stöckelschuhe. Man investiert viel in die Frisuren, farbige Strähnen, knallrote Farben. Mao würde seine Kinder und Enkel nicht wieder erkennen.
Immerhin liegt Shanghai in der Volksrepublik China, regiert von der alleinseligmachenden Kommunistischen Partei. Doch die Partei ist diskret, es gibt keine offensichtliche Propaganda, kein Abbilder der Parteispitzen, keine Slogans, keine Transparente.
Seit Maos Nachfolger die Losung ausgab, nicht die Farbe der Katze sei maßgebend, sondern deren Fähigkeit, Mäuse zu fangen, ist der Geschäftssinn einer Nation neu entbrannt, die über 4000 Jahre Erfahrung mit Handel, Handfertigkeit und Innovation hat.
Soeben fand in Guandong, dem frühren Kanton, eine internationale Handelsmesse statt, auf der Einkäufer aus aller Welt den Plunder orderten, der für das kommende Jahresende in den USA und in Europa, in Kapstadt, Rio oder Singapur für fröhliche Weinachten und ein glückliches neues Jahr sorgen sollen.
Wie ein Sprecher der Messe kundgab, stagnierte der Umsatz, besonders wegen dem Rückgang der Order aus Europa, ein schlechter Indikator für den krisengeschüttelten alten Kontinent.
Das tut jedoch dem Geschäftssinn der Chinesen keinen Abbruch. Alles ist Anlass zum Geldverdienen. Zur Welt-Expo in Shanghai haben sich lokale „Unternehmer“ manches einfallen lassen. So vergeben die Organisatoren für 3 € ein passartiges Dokument, mit dem die Besucher von Pavillon zu Pavillon hasten, um sich dieses abstempeln zu lassen. Im gutbesuchtem luxemburgischen Pavillon musste dafür eigens ein Tisch aufgestellt werden, um den sich dauernd Hunderte von Chinesen drängeln, die nicht nur einen, sondern Dutzende von Pässen zum Abstempeln vorlegen. Nachdem dekretiert wurde, nur ein bis zwei Pässe pro Person würden abgestempelt, wurde die Warteschlange halt länger.
Die Erklärung für die Pass-Mania stand in „China Daily“. Auf Internet (zu dem zirka die Hälfte aller Chinesen Zugang haben), werden Pässe zum Verkauf angeboten. Auf Souvenirs erpichte Chinesen zahlen bis zu 50 € für Pässe mit mindest 40 Stempeln. Einen Preisaufschlag gibt es für Stempel vom Eröffnungstag, dem 1. Mai.
Zur Weltexpo hat sich Shanghai sich modernisiert, verschönert. In 5 Jahren wurden zirka 45 Milliarden Dollar in neue Strassen, in Metro, in Begrünung und Beleuchtung investiert. Die lokale „Promenade des Anglais“, der Bund, wurde zu einer breiten Fußgängerzone gestaltet. Der Durchgangsverkehr fließt unterirdisch. Gleichzeitig wurde entlang dem Fluss ein 5 Meter hoher Damm hochgezogen, für den Fall, dass die Pole eventuell schmelzen sollten.
Nicht Ideologie, sondern Pragmatismus prägt das Regime. Es gibt keine aufgeregte Diskussion über „Klimakatastrophe“ und die „Rettung der Welt“. Es wird investiert in Autobahnen und öffentlichen Transport. Shanghai verfügt heute schon über das größte U-Bahnsytem der Welt. Bis 2020 soll es verdoppelt sein.
Zuglinien entstehen am laufenden Band. Die höchste Eisenbahn der Welt verbindet in 48 Stunden Zugfahrt Peking mit Lhasa, Tibet. Man arbeitet an Zugverbindungen mit benachbarten Staaten: Vietnam, Thailand, Burma und Malaisen. Selbst eine direkte Zugverbindung mit Europa ist in der Vorplanung. In 5 Jahren sollen 30.000 zusätzliche Kilometer Schiene verlegt sein, davon 8.000 Kilometer Schnellstrecken, auf denen Züge mit 320 km in der Stunde zirkulieren werden.
Bis 2020 will Shanghai 20% seiner Energieversorgung mit erneuerbaren Energien abdecken. Der weltweit größte Offshore-Park für Windenergie steht bei Shanghai. China wuchs letztes Jahr zum größten Exportateur von Photovoltaik-Zellen und Windkraftanlagen heran. Gleichzeitig sind 40 zusätzliche Atomkraftwerke in Bau oder Planung. Auch damit lässt sich CO2 einsparen.
Die Chinesen haben in den USA und in Europa eine schlechte Presse. Da geht Rede von Ameisenhaufen, von blutrünstiger Diktatur. Die chinesische Währung sei unterbewertet, China überschwemme die Weltmärkte mit Ramsch und Raubkopien. Die Wahrheit ist facettenreicher.
Sicher, es gibt 1,4 Milliarden Chinesen. Doch hat das Regime sich und der Welt mindestens 200 Millionen zusätzliche Kinder „erspart“ mit der im Westen viel kritisierten „Ein-Kind-pro-Familie“-Politik. Dennoch wächst China jedes Jahr um die Bevölkerung der Niederlande. Pro Quadratkilometer gibt es übrigens mehr Holländer in Holland, als Chinesen in China. Von wegen Ameisenhaufen.
Wie viele aufstrebende Nationen ist China exportorientiert. Doch im Verhältnis zum jeweiligen Sozialprodukt exportiert Deutschland mehr als China. Die Chinesen finanzieren die Staatsschuld der Amerikaner. Die Deutschen, die Europa mit ihren Waren und Dienstleistungen überschwemmen, weigern sich, innerhalb der EU entsprechend Verantwortung zum notwendigen Finanzausgleich zwischen den EU-Staaten zu übernehmen.
Übrigens ist der € stark gegenüber dem Yuan gefallen. China-Reisen werden teuerer für Europäer. Dafür reisen die Chinesen zunehmend in Ausland. 2009 gaben 49 Millionen Chinesen im Rest der Welt mehr Geld aus als Franzosen oder Holländer. Nur Deutsche, Amerikaner und Briten waren spendierfreudigere Touristen. Die Internationale Touristik Agentur schätzt, dass spätestens 2020 100 Millionen chinesische Touristen den Rest der Welt beglücken werden.
Immer mehr Chinesen können sich etwas leisten. Der Reichtum nimmt zu, der Mittelstand dehnt sich aus. China lebt schon lange nicht mehr von billigen T-Shirts und Raubkopien. Lenowo hat die Computersparte von IBM gekauft, ein chinesischer Autohersteller ist neuerdings Patron bei Volwo. In immer mehr Branchen zeigen die Chinesen technologisches Knowhow. In den Biotechnologien sind die Chinesen den Europäern meilenweit voraus.
Dennoch wird China Probleme bekommen. Besonders die junge Generation leidet offensichtlich unter der auswuchernden staatlichen Bürokratie. Der Mangel an Rechtsstaatlichkeit ist eigentlich ein größeres Problem als das Fehlen von demokratischen Wahlen.
Korruption ist ein großes Übel. Periodisch berichtet die Presse vom Durchgreifen gegen korrupte Parteigrößen, so zum Beispiel ein stellvertretender Finanzminister, der Baulöwen zu billigen Krediten verhalf, dafür Wohnungen für Spottpreise erwarb, die er zu Markttarifen weiterverkaufte.
Der Bausektor ist das größte Sorgenkind. Zu zehntausenden wurden in Shanghai und allen Städten Wohnblocks hochgezogen, doch die Bauqualität ist vielfach miserabel. Schon nach zwei, drei Jahren ist Verlotterung angesagt. Dennoch muss weitergebaut werden, da die Chinesen nach mehr Lebensqualität drängen, und damit mehr Wohnraum beanspruchen. Immerhin verfügt jede Familie über einen Farbfernseher, 98 % der Haushalte haben eine Waschmaschine, alle haben Handys und eine Mehrheit besitzt Computer.
Es gibt viele Anzeichen für eine zunehmende Entkrampfung des Regimes. In Shanghai wurde dieser Tage eine 1954 geschlossene Synagoge mit viel Pomp wieder eröffnet. Die Beziehungen zum früheren Intimfeind, den Nationalchinesen auf Taiwan, verbessern sich rasant. Taiwan ist mit einem eigenen Pavillon auf der Expo vertreten. Rechtzeitig zu Beginn der Expo wurde der taiwanesische Dollar anerkannt, und kann gegen rotchinesische Yuan umgetauscht werden. Taipeh eröffnete ein Tourismusbüro in Peking. Normalisierung ist auf allen Ebenen angesagt. Immerhin sind Taiwanesen die größten ausländischen Investoren in China, wo zirka 700.000 Taiwanesen leben.
China wird in absehbarer Zeit keine Demokratie westlichen Zuschnitts. Das Regime greift manchmal hart durch. Es praktiziert die Todesstrafe. Wie die USA, wie Indien. Indien gilt als die größte Demokratie der Welt. Dennoch leben 80 % der Inder in größter Armut. In China sind weniger als ein Viertel der Bevölkerung bitterarm.
Ich bin kein Apologet des chinesischen Regimes. Deren gab es viele in Europa, als Maos Rotgardisten in China wüteten. Der derzeitige Staatskapitalismus mit seiner auswuchernden Bürokratie ist auch kein Vorbild. Doch verdient das moderne China etwas mehr Respekt und weniger klischeehafte Voreingenommenheit. Ohnehin wird Europa und die Welt mit einem wirtschaftlich starkem China und einem selbstbewussten asiatischem Kontinent leben müssen.
Tags: Chine, Commerce, Economie, Exposition universelle, Shanghai
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