04|01
2012

Ernste Sorgen über Glück und Wohlbefinden

Luxemburg ist kein Land, in dem Milch und Honig fließt. Doch im Westen von Eden lässt es sich gut leben. Gewiss, wir haben eine steigende Zahl Mitbürger unter der offiziellen Armutsgrenze. 31.000 Arbeitnehmer müssen mit dem Mindestlohn auskommen. Das bedeutet kein Honigschlecken, selbst wenn Luxemburg mit 1.800 € den höchsten Mindestlohn der Welt zahlt.

Angesichts der hohen Wohnkosten sind die einheimischen Mindestlohnbezieher nicht zu beneiden. Für Grenzgänger ist unser Mindestlohn ein Magnet. In Deutschland, in Belgien und Frankreich sind die Mindestlöhne  viel niedriger als in Luxemburg. Schlimmer: Bei unseren Nachbarn liegt jeweils die Hälfte aller Löhne unter dem luxemburgischen Mindestlohn. So verdienen beispielsweise die Hälfte der Franzosen weniger als 1.600 € im Monat. Was in Klartext bedeutet, dass jeder französische Grenzgänger, der in Luxemburg bloß zum Mindestlohn anheuert, mehr verdient als die Hälfte seiner Landsleute.

Dies erklärt auch den Druck auf den einheimischen Arbeitsmarkt. Unter 380.000 Aktiven gibt es 160.000 Grenzgänger (+ 8000 in einem Jahr). Von Oktober 2010 auf Oktober 2011 wurden über 11.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Doch die Zahl der im Inland residierenden Arbeitssuchenden hat sich im gleichen Zeitraum von 14.700 auf 14.850 erhöht! Einheimische, ob Luxemburger oder ansässige Ausländer, ziehen offensichtlich Arbeitslosigkeit schlecht bezahlten Jobs vor. Doch für Menschen aus den drei Nachbarregionen ist selbst bei langen Anreisewegen unser Mindestlohn durchaus attraktiv.

 Der nationale Speckgürtel

Es häufen sich in letzter Zeit Studien gegen den „Bruttosozialprodukt-Fetischismus“ und für „Glück-„ oder „Wohlsein-Indikatoren“. Geld mag nicht glücklich machen, erlaubt dennoch seinen Lebensstil weitgehend nach eigenem Gusto zu gestalten. In den Augen der Nachhaltigkeits-Apostel sind die „unglücklichen“ Luxemburger bornierte Kinder der Konsumgesellschaft. Einer Statec-Veröffentlichung zufolge geben die einheimischen Haushalte im Durchschnitt um die 4.200 € pro Monat aus. Durchschnitte verbergen oft Extreme. So müssen sich 9 % aller Haushalte mit einem Ausgabenbudget von unterhalb 2.000 € begnügen. Dafür geben aber ein Viertel aller Haushalte über 6.000 € aus, weitere 11% Prozent mehr als 8.000 € pro Monat.

In allen Einkommensklassen, auch bei den Ärmsten, etwa Arbeitslosen, betreffen weniger denn 10 % aller Ausgaben die tägliche Ernährung. Weitaus über 10 % der Einkommen wird für Transport ausgegeben, im Falle von Angestellten wie Arbeitern gar über 16 %. Der Löwenanteil wird in das Auto investiert. Auf unsere 500.000 Einwohner gibt es rund 470.000 Vehikel jeder Art, davon rund 340.000 meistens großzylindrische Automobile. Weitere 15% der Ausgaben betreffen Freizeit und Restaurants/Hotels. Der größte  Ausgabeposten bleibt  die  Behausung und die damit verbundenen Energiekosten.

Was bringt ein Glücksindex“?

Die OECD, der Club der 34 reichsten Länder, klassierte Luxemburg bei seinem „Glücksindex“ auf Rang 11. Wir erhielten Bestnoten, was das Einkommen und die soziale Absicherung anbelangt. Der Zustand der nationalen Umwelt wurde als sehr positiv bewertet. Luftverschmutzung, Feinstaubbelastung, Wasserzustand, alles liegt unterhalb des OECD-Schnitts. Negativpunkte sind mangelhafter Zugang zu öffentlichen Informationen, sowie die geringe Beteiligung der Luxemburger am Politikgeschehen. Trotz Wahlpflicht hätten bloß 57% der Wähler sich am letzten Urnengang beteiligt.

Liegt das Glück dieser Erde auf dem Rücken der politischen Pferde? Bürgerbeteiligung, politisches Engagement sind sicher wünschenswert, doch heben sie nicht notgedrungen das individuelle Wohlgefühl. Wahlverlierer samt Anhänger sind generell frustriert. Dies zeigt die Grenzen des „bonheur national brut“. Für Leo Ferré ist Glücklichsein ein vorübergehender Zustand: „Le bonheur, c’est du chagrin qui se repose…“

Die Politik ist deshalb gut beraten, es dem individuellen Bürger zu überlassen, sein „Wohlsein“ zu organisieren. Vorbedingungen dazu sind ein gutes Einkommen und ein feinmaschiges soziales Netz. In Europa erfreuen sich Luxemburgs Einwohner und Beschäftigte des besten Sozialschutzes, der höchsten Familienzulagen,  der höchsten Transfers im Falle von Krankheit, Invalidität  oder bei Altersrente.

Dieser Sozialstandart muss weiterhin verdient werden. Doch viele Luxemburger scheinen anzunehmen, es genüge „Mir wellen bleiwen wat mir sin“ zu plärren.

Ohne wirtschaftliche Entwicklung geht schnell nichts mehr. Ist es nicht dramatisch, dass z.B. um Belval 120 Hektar Industriebrachen urbanisiert werden, ohne dass ein Hektar Industriezone vorgesehen ist? Oder dass der landwirtschaftliche Verband sich jenseits der Mosel ansiedeln muss, weil die Politik vor jeder Bürgerinitiative kapituliert? Das gleiche Schicksal wird das nationale Stadium bei Roeser erleiden, obwohl Privatpromoteure (die selbstverständlich Geld verdienen wollen), den ganzen Komplex ohne Kosten für die Steuerzahler bauen würden. Ikea, in Luxemburg unerwünscht, grüsst 100 Meter hinter der Grenze mit Belgien.

Luxemburg liebt es beschaulich. Doch viele nationale Einnahmequellen sind bedroht. Der Bankplatz schrumpft, die Fondsindustrie hängt vom europäischen Umfeld ab. Arcelor-Mittal wird weiter abbauen, neue Schwerindustrien sind unerwünscht. Die halbe Milliarde TVA-Einnahmen aus dem elektronischen Handel drohen 2015 wegzufallen. Der Tankstellentourismus ist nicht nur bei Grünen verpönt, erspart aber den Luxemburgern eine zusätzliche Steuerlast von 1,3 Milliarden €.

Wäre es nicht an der Zeit, dass Luxemburg sich einen Ruck gibt, seine Technologiephobie ablegt, auf Innovation setzt, in Infrastrukturen investiert, auch in neue Strassen? Nicht unsere Umwelt ist in Gefahr, aber unser Wohlstand und damit unser Wohlsein!



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