17|09
2008

Die Taschendiebe des freien Marktes.

Am 2. Januar 2008 bot Richard Arens, Trader an der New Yorker NYMEX-Börse (dem wichtigsten Handelsplatz für Rohstoffe und Öl), 100.000 Dollar für 1.000 Faß Erdöl. Er erhielt den Zuschlag und war damit der erste Händler in der Geschichte, der 100 Dollar für einen Barrel Erdöl zahlte. (Ein Barrel sind zirka 159 Liter.) Die Zahlung war jedoch nur virtuell. Denn bei solchen „Deals“ müssen die Händler bloß 5 bis 10 % des Kaufpreises real vorstrecken. Richard Arens setzte
anscheinend nur 5.000 Dollar ein, zumal er seine 1.000 Barrel sofort weiterverkaufte. Dabei verbuchte er einen Verlust von rund 800 Dollar. Doch Richard Arens nahm dies gelassen und spendierte abends für mehr Dollar Champagner, um mit Kollegen den Durchbruch der  psychologischen Schallmauer von 100 Dollar pro Barrel Rohöl zu feiern.

Für die Dealer der NYMEX-Börse gab es in der Folge noch öfters Grund zum Feiern. Die Quotierung für Erdöl steigerte sich wie im Rausch. Am 4. Juli wurde mit 148 Dollar pro Barrel die bisherige Rekordmarke im Öl-Geschäft erreicht. Zwar geht es wieder abwärts mit den Erdöl-Preisen. Doch die Rekordjagd der Trader an den Rohstoffbörsen der Welt hinterläßt eine breite Blutspur in der realen Wirtschaft.Eine weltweite Wirtschaftskrise droht.

In den Produzentenländern und bei den Erdölgesellschaften klingelten die Kassen wie zu Weihnachten. Allein die OPEC-Staaten erzielten zwischen Januar und Juni 2008 fast soviel Geld (645 Milliarden $) für ihr Öl, als während des gesamten Jahres 2007 (671 Milliarden $).

Reichtumstransfer.

Während die Europäische Union letztes Jahr rund 2,5% des europäischen Sozialproduktes für seinen Erdölverbrauch ausgab, werden es dieses Jahr rund 4 % der europäischen  Reichtumsschöpfung sein. In anderen Worten: Das gesamte Wirtschaftswachstum der Union – zirka 1,5% – genügt gerade, um den Mehrpreis für den europäischen Ölkonsum zu zahlen.

In noch deutlicheren Worten: Damit entsteht ein Reichtumstransfer von Europa an die ölproduzierenden Länder (sowie die Ölindustrie und den undurchsichtig verästelten Zwischenhandel) von zirka 500 Milliarden €. Diese Milliarden fehlen in der realen Wirtschaft und vor allem bei den Konsumenten, deren Kaufkraft durch die höheren Energiepreise drastisch amputiert wurde.

Zusätzlich zur Rekordjagd bei Erdöl kam es zu einer Explosion bei den Preisen für die meisten Rohstoffe, sowie, noch schlimmer für die Bevölkerung der dritten Welt, bei Grundnahrungsmitteln wie Reis, Weizen oder Mais.

Die Auswirkungen der hohen Erdölpreise auf Benzin, Diesel und Heizöl bleiben schmerzlich für den Geldbeutel der Europäer. Dennoch ist der Ölverbrauch der Europäer seit der ersten Ölkrise Ende der 70er Jahre gefallen. 1979 konsumierte die EU bei viel geringerer Wirtschaftsleistung durchschnittlich 16 Millionen Barrel pro Tag. 2007 waren dies „bloß“ 15 Millionen Barrel. Ein Zeichen für die vielen Fortschritte in Sachen Energieeffizienz, gerade auch der vielgeschmähten
Autohersteller. (Für jeden Prozentpunkt des Sozialproduktes benötigt Europa heute rund halb soviel Öl als vor 35 Jahren.)

Die Blutspur der Spekulanten.

Doch in vielen Teilen der Welt hat die Spekulationswelle um das Erdöl und andere Stoffe noch größeren Schaden angerichtet. Grund genug zu einer überfälligen Auseinandersetzung der großen Industrienationen, und allen voran der EU, mit den Drahtziehern dieser Spekulationsorgien.

Das Beispiel des Richard Arens, der bei einem Einsatz von bloß 5.000 Dollar eine Spekulationswelle ungeahnter Ausmaße auslösen konnte, sollte selbst strammen Verfechtern der „freien“ Marktwirtschaft zu Denken geben.

Märkte sind unverzichtbar zur Preisbildung. Börsen sind nützlich um das komplexe Spiel von Angebot und Nachfrage zu balancieren. Doch hat sich die Finanzwelt völlig von der realen Wirtschaft abgenabelt.

Rund 60% aller Händel der letzten Monate an der New Yorker Warenbörse betrafen nicht existierendes Öl. Die Handelspreise wurden bloß zu 10 % mit realen Dollars bezahlt. Termingeschäfte, Leerkäufe im Karussell bestimmen die Kurse.

Grosse Finanzfonds kaufen und verkaufen mit kleinstem Einsatz – dem „Leverage“, dem Hebel – Rohstoffe aller Art. Nicht mehr das physische Angebot von Öl oder Reis bestimmen den Preis, sondern die Mechanismen der Finanzmärkte.

Welche Konsequenzen dies für die normalen Bürger hat, wird gerade mit der „subprime“-Krise vordemonstriert. Weil die Finanzindustrie sich gründlich bei der Verbriefung von  Hypothekenkrediten verspekuliert hat, sind spektakuläre Rettungsaktionen in den Hochburgen der freien Marktwirtschaft, den USA und Großbritannien, an der Tagesordnung. Allein die Rettung von Fannie Mae und Freddy Mac wird den amerikanischen Steuerzahler 300 Milliarden Dollar kosten, immerhin den zweifachen Jahreshaushalt der Europäischen Union!

Sozialisierung der Defizite?

Diese Verstaatlichung privater Spekulationsschulden wurde selbst vom „Wall Street Journal“ als unmoralische Rettungsaktion zugunsten von betuchten Millionären qualifiziert.

Der amerikanische Kongreß will Konsequenzen ziehen. Senator Byron Dorgan hat einen Gesetzesvorschlag eingebracht, der darauf abzielt, bei Börsengeschäften die Mindestmarge der realen Anzahlungen von 5-10% auf 25% zu erhöhen. Hätte Richard Arens bei seiner  100-Dollar-Wette auf 1000 Barrel Öl 25.000 Dollar anzahlen müssen, statt bloß 5.000, hätte er wahrscheinlich gezögert.

Jean-Claude Juncker, bestätigter Präsident der Eurogruppe, kritisierte in den letzten Monaten sehr oft die „golden boys“ der Finanzwelt und geißelte mit markanten Worten die überhöhten Gehälter, Vergütungen und Abfindungen der gefallenen Finanzgenies. Wo Herr Juncker recht hat, hat er recht. Doch muß die Eurogruppe den strammen Worten ihres Vorsitzenden konkrete Taten folgen lassen.

Das Europäische Parlament diskutiert demnächst einen Bericht über die „Hedge Fonds“, erarbeitet vom Präsidenten der Europäischen Sozialisten, Poul Nyrup Rasmussen, ehemaliger dänischer Ministerpräsident. Der Rasmussen-Bericht, obwohl von Christdemokraten und Liberalen in manchen Punkten abgeschwächt, enthält interessante Vorschläge zur Disziplinierung der Finanzmärkte.

Es bleibt unumgänglich, daß die „sichtbare Hand“ des europäischen Gesetzgebers den Finanzmärkten neue Regeln aufzwingt. Denn die „unsichtbare Hand“ (Adam Smith) des „freien“ Marktes wird immer mehr zur Hand der liberalen Taschendiebe in den Börsen der Bürger!

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