Mit der bevorstehenden Neuwahl in Griechenland tritt das Drama um den Euro in seine bislang gefährlichste Phase. Sollte die linksradikale Partei Syriza als Gewinnerin hervorgehen, beginnt eine Zerreißprobe zwischen Griechenland und Euroraum. Alexis Tsipras, der Chef des Linksbündnisses, will als griechischer Ministerpräsident am Euro festhalten, gleichzeitig aber das “Spardiktat aufbrechen”, das die “Troika”, bestehend aus der EU, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds, dem Land aufgebürdet hat.
Man kann nicht sagen, dass diese Politik der “innergriechischen Abwertung” (Senkung der Löhne, Gehälter und Soziallasten) erfolgreich war. In fünf Jahren Krise ist das griechische Sozialprodukt um praktisch ein Viertel geschrumpft, was den öffentlichen Schuldenstand mechanisch erhöht hat. Doch woher das Geld nehmen, das die griechische Wirtschaft wieder in Schwung bringen könnte?Â
Selbst Tsipras gesteht ein, dass Griechenland lange über seine Verhältnisse lebte und Strukturreformen bitter benötigt. Doch die Politik, die er seinen Wählern vorgaukelt, wird nicht aufgehen. Falls die nächste griechische Regierung von den eingegangenen Verpflichtungen Abstand nimmt, werden keine Gelder mehr von der EU, der EZB und dem IWF nach Athen fließen.Â
Laut Spiegel-Interview mit Tsipras (26.5.12) “wird Griechenland tatsächlich bald nicht mehr in der Lage sein, seine Gläubiger zu bezahlen“. Doch der potenzielle Regierungschef setzt darauf, dass die Euro-Staaten aus Furcht vor den weitreichenden Konsequenzen eines griechischen Staatsbankrotts einlenken und weiter zahlen werden: “Die Finanzsysteme aller Länder sind heutzutage so eng miteinander verflochten, dass man die Krise nicht geografisch einschränken kann.“Â
Sehr wahr, aber gerade im Falle Griechenlands nur bedingt gültig. Immerhin haben die privaten Kreditgeber schon einen “Haircut” erlebt und auf über die Hälfte ihrer Forderungen gegenüber Athen verzichten müssen. Für die verbleibenden griechischen Schuldpapiere wurden bei allen öffentlichen und privaten Geldgebern Provisionen gebildet. Ein griechischer Totalausfall wäre für alle Partner des Landes ein empfindlicher, aber zu verkraftender Schlag. Doch für das griechische Volk wäre es der Beginn eines langen Martyriums.Â
Bislang konnten sich die Griechen mit europäischer Hilfe über Wasser halten. Diese Kredite sind keine Kleinigkeit. Immerhin hat das Land von seinen Euro-Partnern mehr als doppelt so viel Geld erhalten, als die internationale Gemeinschaft jedes Jahr an Entwicklungshilfe für den Rest der Welt zahlt! Doch ein unausweichlicher Stopp der Troika-Zahlungen würde sehr schnell dazu führen, dass die neue griechische Regierung nicht mehr in der Lage wäre, die Gehälter der Staatsbediensteten oder die Renten zu bezahlen.Â
Eine Rückkehr zur Drachme wäre noch dornenreicher. Als Argentinien Konkurs anmeldete, hatte es noch eine eigene Währung, den Peso. Dieser verfiel zwar rapide gegenüber dem Dollar, erlaubte jedoch weiterhin internen Zahlungsverkehr (selbst wenn einzelne Provinzen eigene Schuldtitel druckten, um einen bescheidenen Wirtschaftskreislauf zu erlauben).Â
Griechenland müsste neue Banknoten drucken lassen, und wegen rasanter Geldentwertung immer neue Nullen an die Scheine anfügen. Die letzte Hyperinflation fand im zusammenbrechenden Jugoslawien statt, wo ein Pfund Brot letztlich Milliarden Dinar kostete.Â
Vor allem kann keine Volkswirtschaft von einem Tag auf den anderen zu einer neuen Währung wechseln. Für den geordneten Wechsel von DM, Franken, Lira, Peseta usw. zum Euro benötigten die Euro-Staaten drei Jahre Vorbereitung. Bei einer hastigen Rückkehr vom Euro zu einer Neo-Drachme würde es Wochen, gar Monate dauern, ehe alle Computer-Programme und Buchungssysteme umgestellt wären, von der Anpassung der Geldautomaten, Münzmaschinen usw. an eine neue Währung nicht zu reden.Â
Während der Umstellphase müssten die Griechen mit einer total zusammenbrechenden Wirtschaft auskommen. Niemand würde den Griechen Geld leihen. Das griechische Bankensystem würde implodieren, die letzten Währungsreserven würden benötigt, um Treibstoffe zu importieren.Â
Nach dem Zusammenbruch der isländischen Banken sah sich der Nicht-Euro-Staat Island einer brutalen Anpassung konfrontiert. Die isländische Krone wurde um 50% abgewertet. Die Inflationsrate verdreifachte sich. Die Finanzmärkte drückten den Wert der Krone bis zu 80% gegenüber dem Euro herab. Island konnte seine Währung erst stabilisieren, nachdem es Kapitalkontrollen einführte.Â
Letzteres erlaubt Artikel 63 des EU-Vertrages nicht. In Notlagen können zwar für sechs Monate Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden, aber nur gegenüber Drittstaaten.Â
Streng juristisch gesehen müsste also Griechenland nicht nur aus dem Euro, sondern aus der EU austreten, um unumgängliche Kapitalkontrollen einzuführen.Â
Eine Rückkehr Griechenlands zur Drachme, verbunden mit einer “isländischen” Abwertung, würde zwar theoretisch die Wettbewerbsfähigkeit des Landes auf den Exportmärkten verstärken, doch das Hauptproblem der Griechen ist, dass sie recht wenig zu exportieren haben.Â
Als Russland Ende der 90er-Jahre zahlungsunfähig wurde, konnte der neue Ministerpräsident Putin die Wirtschaft stabilisieren (und letztlich selbst alle Schulden des Landes zurückzahlen), weil das Land jede Menge Öl und Gas gegen harte Währungen exportieren konnte. Mit Wein und Oliven klappt das nicht.Â
Mit einer gegenüber dem Euro zu 80 oder 100 Prozent abgewerteten Drachme könnte Griechenland zwar ein Magnet für Billigreisen werden, doch ist nicht sicher, ob die Touristen sich in einem von sozialen Unruhen geschüttelten Land wohlfühlen würden.Â
Wie man es auch dreht, Griechenlands Zukunft sieht grimmig aus. Sollten die Griechen bei den Wahlen auf die Heilsparolen von Syriza hereinfallen, beginnt ein neues Martyrium für ihr Land. Griechenland ist auf lange Jahre zu einer dramatischen Anpassung seiner Strukturen an die ökonomischen Realitäten verdammt. Daran werden populistische Parolen von der extremen Rechten bis zur extremen Linken nichts verändern.
Tags: Crise financière, Endettement, Grèce, Syriza
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