Im Frühjahr brachen in vielen Teilen der Welt politische Unruhen aus, weil überall die Lebensmittelpreise explodierten. Besonders Reis war zur Mangelware geworden. In Haiti gab es blutige Proteste, ebenso im Senegal und Burkina Faso. Auf den Philippinnen wurde Reis rationiert. Einige Produzentenländer verboten die Ausfuhr von Reis, allen voran Thailand, Vietnam und Indien.
Nicht nur Reis wurde für viele Menschen unerschwinglich. Andere lebenswichtige Nahrungsmittel wie Mais oder Weizen erzielten Höchstpreise. Der Schuldige für die Explosion bei den Lebensmitteln war schnell gefunden: die Biotreibstoffe.
Ich gestehe: Mir war es anfänglich auch mulmig um die Problematik “voller Tank gegen leeren Bauch”. Im Europaparlament stimmte ich mehrfach für Aufträge, welche dazu aufriefen, keinen zu hohen Anteil von Biotreibstoffen bei erneuerbaren Energien anzustreben.
Doch ein halbes Jahr später sieht die Welt wieder anders aus. Nachdem die Tonne Reis von 600 Dollar Anfang März auf 1130 Dollar Ende Mai 2008 gestiegen war, ist 6 Monate später der Preis für Reis wieder unter 650 Dollar gefallen. Der Preis für eine Tonne Weizen fiel in 5 Monaten um 54 % und Weizen ist heute wieder für etwas über 500 Dollar pro Tonne zu haben.
Diese enormen Preissprünge sind ein Beleg für den Casino-Kapitalismus, der selbst auf Lebensmittel spekuliert und die Welt in eine verheerende Finanzkrise stürzte. Gleichzeitig dokumentiert das schnelle Auf und Ab der Preise für Reis, für Weizen oder für Erdöl und andere Rohstoffe, dass die Politik sich vor voreiligen Schlussfolgerungen hüten sollte.
So waren die Preissprünge bei Reis mitnichten eine Reaktion auf den Ausbau der Produktion von Biotreibstoffen. Bislang hat noch niemand Biosprit aus Reis produziert.
Bei Weizen, Mais, aber vor allem bei Zuckerrohr und Palmöl ist die Lage differenzierter. Weizen sollte grundsätzlich für Ernährungszwecke dienen. Selbst wenn der Kursverfall der Preise für Weizen keinen Zusammenhang mit der Produktion von Biotreibstoffen erlaubt.
Bei Mais ist die Problematik vielschichtiger. Weißer Mais ist für den menschlichen Konsum bestimmt und dient in manchen Ländern als Grundnahrungsmittel. Doch gelber Mais wird für Viehfütterung angebaut. In den USA wird 90% gelber OGM-Mais produziert, der sehr wohl zu Bioethanol verarbeitet werden kann.
Zuckerrohr (oder Zuckerrüben) sind sogar ideale organische Stoffe, um Bio-Ethanol herzustellen. Brasilien tut dies seit Jahrzehnten mit Zuckerrohr, ohne dass die Ernährungswirtschaft des Landes in Gefahr geriet. Übrigens: Zuckerrohr gedeiht nicht in tropischen Gebieten, geht also nicht auf Kosten des Regenwaldes.
Letzteres ist bei Palmöl problematischer. Von Malaysien bis Indonesien ist die Versuchung groß, Palmölplantagen auf Kosten tropischer Wälder auszubauen. Es ist deshalb vernünftig, dass die EU bei Biotreibstoffen Qualitäts- und Umweltverträglichkeitskriterien einführen will.
Doch der Bericht des Europäischen Parlaments zu den erneuerbaren Energien schießt über dieses Ziel hinaus. Nicht nur, dass der Anteil der Biotreibstoffe bei erneuerbaren Energien begrenzt werden soll, einzelne Vorschläge für Umweltverträglichkeit sind derart weltfremd, dass gerade Entwicklungsländer keine Chance haben, selbst Brachland oder Steppen für den Anbau von verwertbarer Biomasse zu nutzen.
In einem Schreiben an die E.U. protestierte kürzlich ein Dutzend Botschafter von Entwicklungsländern gegen diese neuen Barrieren, welche die E.U. gegen bitter benötigte Exportmöglichkeiten der dritten Welt aufbaut. Gewiss, Europa sollte sich zum Ziel setzen, Biotreibstoffe der sogenannten zweiten Generation zu fördern, also Treibstoffe aus Abfallprodukten der Biomasse.
Doch um erneuerbaren Biosprit als Alternative zu Treibstoffen auf Erdöl- oder Erdgasbasis zu fördern, muss zuerst ein Markt aufgebaut werden, müssen Strukturen geschaffen werden wie Verteilungsnetze und Tankanlagen. Man kann folglich Biotreibstoffe der ersten Generation nicht überspringen. Letztere sind unumgänglich, um die Voraussetzung zur Entwicklung von Biosprit der zweiten Generation zu schaffen. Eine solche Politik wird es ermöglichen, Benzin und Diesel progressiv durch erneuerbare Biotreibstoffe zu ersetzen, die nicht auf Konten hungriger Bäuche
gehen.
Tags: Développement, Environnement, Industrie, International
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Ein wohltuend vernünftiger, differenzierter und lösungsorientiertem Denken verpflichteter Beitrag zur Energiediskussion. Er stammt etwa aus der gleichen Zeit, in der nationale Politiker wie der Schweizer Nationalrat Rudolf Rechsteiner sich mit einer sachlich und fachlich unverständlich dürren Parlamentarischen Initiative – die sich vor allem durch Fundamentalismus und Sturheit bei der Wiedereinreichung nach Zurückweisung hervortut – gleichermassen unverdient wie rücksichtslos und zutiefst unsympathisch Dauer-Medienpräsenz zu erzwingen versuchen.
Martin Meyer